Zwei Jahre und heute

Die heiße Sommerluft schlägt mir ins Gesicht. Meine Lockenmähne wirbelt mir um den Kopf herum.
Alles an diesem Tag erinnert mich an den einen vor zwei Jahren. 
Dieser Tag, diese Momente, dieser Mann!
Wie damals jagt auch heute die Sonne mit ihrer brennenden Flut die Menschen durch die Straßen. Sie schwitzen, sie fluchen und wer kann, der sucht Schutz unter einem der großen Bäume oder in einem netten Cafe. 
Wie damals. 
Immer wieder bombardieren Fetzen der Erinnerung mein Hirn. Ich blicke hinüber zum Eingang des Parks. Dort steht noch die alte Bank, auf der ich saß und auf ihn wartete. Ganz in Gedanken gehe ich weiter, bleibe wieder stehen und schaue hinüber zum Park.
Gänsehaut überkommt mich. Schauderhaft schön daran zu denken, was an jenem Tag passierte. 
Ein Passant rempelt mich an.
Ich werde aus meinen Erinnerungen gerissen und gehe weiter. Ein Bekannter kommt mir entgegen. Wir grüßen uns. Dann kreuzen sich unsere Wege und wir verlieren uns auch schon wieder aus den Augen. Nach ein paar Metern betrete ich das Haus, in dem ich heute einen Vortrag halten werde. Kann ich heute überhaupt? Ich muß!
Im Raum ist es kühl und noch ist keiner der Gäste da. Ich bin zu früh, stelle ich fest und schaue aus dem Fenster. Gegenüber der Park.
Er scheint mich zu verfolgen.

Wir küssen uns. Endlich, wie habe ich mich danach gesehnt. Und nach ihm erst! Es ist schön, in seinen Armen zu liegen, mich an ihn zu lehnen. Ich kann ihn riechen, fühlen und möchte ihn haben! Wir verlassen den Park. Wohin mit uns und der Lust, die wir verspüren? Wir setzen uns in seinen Wagen und verlassen die Stadt. Nur raus hier! Weg von den Augen, die uns beobachten könnten, weg von diesem Trubel. Wir wollen alleine sein. Wir fahren ein paar Kilometer, dann verlassen wir die Straße und biegen in einen Waldweg ein. 
Innerlich verbrenne ich!
Wir steigen aus und gehen tiefer in den Wald hinein, bis wir einen Ort finden, wo wir ungestört sein können. Um uns herum die Bäume, über uns die Sonne und der blaue Himmel.
Dann lieben wir uns!
Für einen Moment denke ich an meine Kindheit, an herumfliegende Bienen und wundervoll duftende Blümchen auf einer Wiese. Wie naiv! 
Nein, es ist unbeschreiblich schön, wahnsinnig, wild wie die Tiere im Wald.
Und dann ist es vorbei. 

Ein Erwachen aus einem heißen Traum, der uns des Nachts überraschen kann.
Jemand stupst mich an. 
Die Gäste strömen herein. 
"Kann's losgehen?"
Ich nickte und breite meine Unterlagen auf dem Pult aus. Mein Vortrag plätschert so vor sich hin und eine geschlagene Stunde scheine ich, mein Publikum zu langweilen. Dann lege ich den Film in den Rekorder und lasse die Technik für mich weiter machen.
Wo ist er nur? 
Laufend muß ich an ihn denken. Warum diese Liebe zu ihm und dieser innerliche Zustand von Unzufriedenheit, der sich in mir breit gemacht hat? Ich habe mich an jenem Tag in ihn verliebt. Und dabei blieb es auch. Seither habe ich ihn nicht wieder gesehen. Eine Träne kullert über meine Wange und ich spüre einen Blick, der von der Seite her an mir haftet. Mit einer fadenscheinigen Erklärung möchte ich den Raum für ein paar Minuten verlassen. Leise schließe ich die Tür hinter mir.
Im Flur lehne ich mich an die Wand. Dann weine ich in mein Taschentuch. Ganz leise, ganz furchtbar. 
"Ist alles in Ordnung?", fragt mich jemand. 
Meine verheulten Augen können kaum sehen, wer neben mir steht. Ich drehe mich weg. Doch dieser jemand legt seinen Arm um mich und möchte mich trösten. 
Ich kenne ihn nicht, aber er ist einfach da. Ich weiß nicht wer er ist, aber trotzdem hält er mich fest. 
Und plötzlich bricht es aus mir heraus. Meine Traurigkeit, meine Sehnsucht, meine Wut. Meine Tränen benetzen seine Jacke. Seine Schulter. Er schiebt mich in eine Ecke, holt mir einen Stuhl und ich muß mich setzen.
Nach einer Weile sind keine Tränen mehr da, die ich hätte vergießen können. Meine Augen brennen und mein Herz tut mir weh. Ich höre, wie meine Gäste gehen. Ein Schwall von Stimmen erfüllt den Flur, bis er versiegt und wieder Ruhe einkehrt.
Jetzt sind nur noch er und ich hier. Auch er hat sich einen Stuhl geholt nun sitzt neben mir. Er schweigt. Ich schweige. Was soll ich sagen? Soll ich etwas sagen? 
"Danke!"
"Möchten sie mit mir einen Kaffee trinken gehen?"
"Gerne..."
Ich gehe zurück in den Raum und er hilft mir, meine Sachen zu packen.
"Das Leben kann so grausam sein, so gemein. Wie die Menschen! Warum verletzen wir uns immer wieder gegenseitig? Warum tun wir uns laufend weh?"
"Wir sind nie - OK selten - zufrieden mit dem was wir haben. Ständig sind wir auf der Suche, wollen mehr, wollen dann wieder nichts... Wer im Weg ist wird überrollt.", antwortet er.
"Haben wir das verdient?"
"Nein, sicherlich nicht... Ich habe sie vorhin im Raum beobachtet. Sah, wie traurig sie sind und das hat mich berührt. Sehr berührt! Sie sind mit Sicherheit eine sehr liebenswerte Frau und ich wollte eigentlich schon jenen beneiden, der an ihrer Seite ist. Aber den scheint es nicht zu geben. Sind sie wegen ihm so traurig?"
"Er geht mir nicht aus dem Kopf. Seit 2 Jahren schmachte ich wegen ihm. Ich verzehre mich nach ihm. Auch wenn es so aussieht, daß ich ihn wohl nie wieder sehen werde! Ich liebe ihn trotzdem!"
Mein Gegenüber schaut mich ernst an. Er nimmt einen Schluck Kaffee. Er schaut mich wieder an.
"Wo ist da der Sinn? Sind diese 2 Jahre nicht genug, um zu erkennen, daß er sie nicht zu lieben scheint?"
Ich weiß! 
Ich trinke meine Tasse leer und lege ihm das Geld für den Kaffee auf den Tisch. 
"Vielen Dank noch mal, aber ich muß jetzt los!"
"Kann ich sie wiedersehen?"
Ich weiß es nicht.
Die Klimaanlage in meinem Wagen fährt auf Höchsttour.
Seit ich losgefahren bin habe ich nur noch eines im Sinn: ich werde ihn jetzt suchen und wenn ich ihn gefunden habe, dann... Und ich überlege was dann sein wird.
Mitten in der Pampa steht sein Haus. Eine Frau buddelt im Vorgarten und ein Hund jagt um sie herum. Ich schaue auf den Briefkasten und lese seinen Namen. Die Frau blickt auf und wischt sich den Schweiß aus der Stirn. Wenn es seine Frau sein sollte, dann ist es mir egal, denn warum sollte sie nicht wissen, wie verletzend ihr Mann sein kann. Ich gehe an ihr vorbei und klingle an der Tür. Die Frau steht schon hinter mir und fragt, was ich hier wolle.
Die Tür geht auf.
Ich werde diesen Moment nie in meinem Leben vergessen! Peinlichst berührt steht er mir gegenüber und sieht mich an. Damit hat er nicht gerechnet!
Erst jetzt begreift die Frau!
Und mir tut es leid.
Er sagt keinen Ton, dann schreit sie ihn plötzlich an.
Ich drehe mich um und gehe wieder. Ich habe kein Wort gesagt, nur in sein Gesicht habe ich geschaut. Die wenigen Meter bis zu meinem Wagen scheinen endlos zu sein. Ich fühle mich, als würde hinter mir das Schwert schweben, mit dem ich eben Licht in die Dunkelheit gebracht habe.
"Warten sie!"
Aber ich steige ins Auto und will nur weg von hier.
Die Frau klopft an die Fensterscheibe. Und sie weint. 
Ich steige wieder aus.
"Wie lange geht das schon mit ihnen?"
"Wie lange? Es war vor zwei Jahren. Es waren Versprechungen, es war Liebe, es war Sehnsucht. Es waren nur wenige Tage mit ihm. Seither habe ich nur noch auf ihn gewartet. Es tut mir leid..."
"Ist es vorbei?"
Ist es vorbei?
"Ob es jetzt vorbei ist?", fragt sie wieder.
"Ja, es ist vorbei!"
Ich schaue noch ein letztes mal zu ihm hinüber. Er sitzt vor seinem Haus auf einer Bank und sieht zu uns Frauen.
So schnell kann etwas zu Ende sein.
Von einer Sekunde zur anderen. Einfach so!
Und ich habe 2 Jahre auf dieses Ende gewartet?
Ich fahre heim. Die Klimaanlage arbeitet wieder und aus dem Radio hämmert heiße Musik.

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